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Unser Band nach Schottland

von Stefanie Lauterbach

 

„Unser Band nach Schottland“ heißt dieser Bereich. „Unsere Partnergemeinde“, so fanden wir, passt nicht. Denn die Verbindungen, die wir unterhalten, haben keinerlei offiziellen Charakter – noch nicht jedenfalls. Aber dennoch ist da etwas am Wachsen und ich freue mich, heute davon erzählen zu dürfen.

Was ist da am Wachsen?
Noch keine Partnerschaft, aber eine enge Verbindung. Eine Verbindung zu einer Gemeinde in einem Land Westeuropas. Eine Verbindung zu einer nicht lutherischen, sondern reformierten Gemeinde: Die Church of Scotland ist eine Presbyterian Church mit Ältestenverfassung, die zurückgeht auf John Knox, einen Schüler Calvins.

Wie kam es zu diesem Band nach Schottland?
Im Folgenden muss ich ein wenig von meinem beruflichen Werdegang erzählen. Vor meiner Pfarrstelle in Neutraubling habe ich ein vierzehnmonatiges Auslandsvikariat absolviert. Mein Mann bekam nach der Promotion das Angebot eines Forschungsstipendiums für Schottland und als ich im Ökumenereferat der Landeskirche nachfragte, ob nicht für mich in Schottland etwas möglich wäre, habe ich offene Türen eingerannt. Nur zu gerne wollte man einmal jemanden nach Schottland schicken, denn dort sei noch nie jemand gewesen. Und das ist eigentlich völlig unlogisch. Denn für kaum eine ökumenische Verbindung sind die theologischen Voraussetzungen so gut, wie für eine lutherisch-reformierte: Schließlich gibt es seit 35 Jahren die Leuenberger Konkordie. Die Leuenberger Konkordie schreibt fest, dass zwischen den Kirchen der Lutherischen und der Reformierten Tradition Kirchengemeinschaft besteht. Folglich sind die Mitglieder dieser Kirchen wechselseitig zum Abendmahl eingeladen und die Ämter werden anerkannt.
Einer der letzten Sätze dieses Dokuments, das sich auch in unserem Gesangbuch findet, ist eine Herausforderung. Dort heißt es nämlich, dass Kirchengemeinschaft sich im Leben der Kirchen und Gemeinden verwirklicht – nicht in bloßen Dokumenten. Und darum ist es wichtig, sich genau auf dieser Ebene – auf der Ebene von Kirche und Gemeinde – um diese Einheit zu bemühen und sie auch zu leben.
Aus diesem zutiefst theologischen Grund wurde ich nach Schottland geschickt: Um einen Praxisfall der Leuenberger Konkordie zu schaffen.

Wohin haben wir ein Band geknüpft?
Im Juni 2005 verließen mein Mann und ich Bayern und kamen nach Dundee. Dundee liegt an der schottischen Ostküste, etwas nördlich von Edinburgh und genau da, wo der River Tay in die Nordsee fließt. Der Tay ist berühmt in der deutschen Literatur: Kaum ein deutscher Schüler hat wohl nicht irgendwann einmal Theodor Fontanes Gedicht von der „Brücke am Tay“ lernen müssen. Auf dem nebenstehenden Bild sieht man die neue Eisenbahnbrücke über den Tay, die die Brücke ersetzt, welche Fontane besingt und die an Heiligabend 1879, gerade als ein Zug darüber fuhr, auf dramatische Weise im Sturm zerstört wurde.

Gewohnt habe ich zwar in Dundee, aber gearbeitet habe ich in den vier hier abgebildeten Dörfern am westlichen Stadtrand, wobei jedes Dorf eine eigene Kirche hat: Lundie, Muirhead, Fowlis und Liff.
Mit diesen vier Orten, die eine Kirchengemeinde bilden und die sich eine Pfarrerin teilen, haben wir jetzt unsere Bande geknüpft. Ich möchte Ihnen eine wenig über unsere schottische „Vielleicht – einmal – Partnergemeinde“ erzählen.
Obwohl sie ja in Westeuropa liegt, sind diese Gemeinde und das Gemeindeleben doch in vielerlei Hinsicht anders als bei uns. Es beginnt schon damit, dass diese Gemeinde nur etwa 500 Mitglieder hat – Neutraubling hat knapp 5000. Man muss dabei aber bedenken, dass die Taufe in Schottland nicht die Kirchenmitgliedschaft begründet. Weniger als 20 % der Einwohner dieser Orte sind Kirchenmitglieder, über die Anzahl der Getauften wissen wir aber nichts. Schon die Voraussetzungen für das Gemeindeleben sind also ganz andere. Die schottischen Gemeinden schaffen es gut, dass jeder von seinem Kirchenältesten – jeder Älteste ist für einen Distrikt verantwortlich – mindestens zwei Mal im Jahr besucht wird!
Hier in Bayern müssen Pfarrerinnen und Pfarrer Schulunterricht erteilen – viele stöhnen darüber. In Schottland darf man vielleicht mal zu Besuch kommen in die Schule und eine Assembly gestalten, wenn man sich mit dem Schulleiter gut versteht. Unsere Kirchengemeinden haben oft diakonische Einrichtungen wie Kindergärten – in Schottland gibt’s das nicht. In Bayern ist es noch relativ normal für Jugendliche, sich konfirmieren zu lassen – in Schottland ist das nicht so. Zusammenfassend kann man sagen: Die schottischen Gemeinden müssen sehr hart dafür arbeiten, um überhaupt Kontakte zu knüpfen und ihre Position in der Gesellschaft zu finden.So habe ich zum Beispiel einen Kinderchor angefangen, einfach um mit Kindern und jungen Familien in Kontakt zu kommen. Obwohl ich dazu in keinster Weise qualifiziert bin. Und ich habe sogar ein Cafe in unserer Kirche eingerichtet – einfach um Leute zu treffen!
Natürlich gibt es auch keine Kirchensteuer. Jede Gemeinde muss selbst sehen, wie sie zu Geld kommt um ihren Pfarrer zu bezahlen, Gebäude zu erhalten, Projekte zu finanzieren. Die Gemeinden sind ziemlich kreativ und einsatzfreudig, wenn es ums Fundraising geht. Da können wir uns allerhand abschauen.
Natürlich gibt es auch theologische Unterschiede, Unterschiede in der Spiritualität der Menschen und der Gemeinden, und strukturelle Unterschiede.
Diese Andersartigkeit kennen zu lernen ist mit Sicherheit eines der wichtigsten Ziele, wenn nicht das wichtigste Anliegen einer Partnerschaft. Durch das Andere und den Anderen werde ich bereichert, ich lerne dazu. Aber gleichzeitig lerne ich dabei sehr viel über mich selbst und hinterfrage und reflektiere meine eigenen Ansichten und Einstellungen, darunter vieles, über das ich sonst wohl nicht nachgedacht hätte. Ein Beispiel: Als ich nach Neutraubling kam, habe ich viele Ideen aus Schottland mitgebracht und manches auch umgesetzt. Zum Beispiel gibt es bei mir im Gottesdienst in Alteglofsheim immer eine kleine Extrapredigt für Kinder bevor sie in den Kindergottesdienst hinaus gehen – in Schottland ein absolutes Muss! – und die Erwachsenen schätzen das mindestens so sehr wie die Kindergottesdienstkinder.
Was die Schotten auch sehr gut können, ist eine Verbindung herzustellen zwischen Gottesdienst und Gemeinschaft – worship und fellowship. Ein Gottesdienst ist kein ordentlicher Gottesdienst, wenn man an der Tür nicht willkommen geheißen und danach nicht zum Kaffee oder zur Suppe eingeladen wird. Insgesamt ist das ganze Thema „Beziehungen“ in der schottischen Kirche ganz wichtig, (man schreckt auch nicht davor zurück allerhand komische Spiele miteinanderund davon können wir nur lernen!

Was wollen wir erreichen?
Weil möglichst vielen Menschen aus beiden Gemeinden diese doppelte Lernerfahrung möglich werden soll, hat sich unser Kirchenvorstand dazu entschieden, diese durch mein Auslandsvikariat begründete Beziehung zu Lundie, Muirhead, Fowlis und Liff zu vertiefen und zu verbreitern. Erste Schritte auf diesem Weg sind schon gegangen worden, weitere sind geplant.
Ein Symbol für die sich entwickelnde Beziehung ist das keltische Kreuz ganz oben in der Bildergalerie. Im Herbst 2006 hat uns eine schottische Delegation in Neutraubling besucht und dieses Kreuz als Gastgeschenk mitgebracht. Es hängt jetzt in unserer Kirche. Acht Schottinnen und Schotten konnten erste Eindrücke von unserer Gemeinde sammeln und Regensburg und Umgebung ein wenig kennen lernen. Höhepunkt war ihre Teilnahme an den Gottesdiensten und Feierlichkeiten zu unserem 50jährigen Jubiläum.
Einige Monate später erhielten wir längeren Besuch aus Schottland: Lezley Kennedy, eine Pfarrerin aus Dundee, war zwei Wochen zum Studienurlaub da. Sie begleitete mich praktisch überall hin, zu Gottesdiensten, in die Schule, in den Konfirmandenunterricht, zur Kirchenvorstandssitzung usw. Während ihres Aufenthalts hier gewann Lezley nicht nur einen Einblick von unserem Gemeindeleben – wir haben auch von ihrem Blickwinkel profitiert. Sie machte uns – gesehen aus dem Blickwinkel der Fremden – darauf aufmerksam, was für eine Chance und was für ein Geschenk es ist, 65 Jugendliche in der Gemeinde zu haben, die freiwillig alle zwei Wochen zum Konfirmandenkurs kommen. Ich hatte das – ganz ehrlich – noch nie so gesehen. Sie brachte den ‚Konfis’ übrigens das Vaterunser auf Englisch bei!
Was Kultur angeht wurden wir von unseren schottischen Freunden auch schon sehr reich beschenkt: Lezley ist nicht nur Pfarrerin, sondern auch Folk-Sängerin und hat zusammen mit unserer Kirchenmusikerin ein „schottisch-bayrisches“ Konzert gestaltet, das ein sehr großer Erfolg gewesen ist.
Im letzten Herbst hatten wir wieder Besuch aus Schottland, diesmal kamen zwei Paare, die als Vokalquartett in unserer Kirche auftraten und ein Konzert auf höchstem Niveau ablieferten. Beide Konzerte waren Benefizveranstaltungen – mit dem ersten wurde ein Grundstock für eine Reparatur an den Glocken gelegt, mit dem zweiten wurde ein halber Abendmahlskelch finanziert. (Übrigens gab es ein rechtes „Aufgschau“ als die Herren in ihren Kilts bei uns auftraten. „Oh mein Gott!“ rief eine Konfirmandin!)
Natürlich sind durch diese Besuche bereits etliche menschliche Beziehungen gewachsen und das ist – neben dem „voneinander Lernen“ – natürlich der Kern der Partnerschaft: Leben von Gemeinde Jesus Christi über die Grenzen von Sprachen, Ländern und Konfessionen hinweg.
Der nächste Schritt bedeutete: Nun sind wir am Zug. Vom 3. bis zum 11. September fuhren 15 Leute aus der Gemeinde Neutraubling nach Schottland. Wir waren dort bei Gemeindegliedern untergebracht und hatten die Möglichkeit zu vielen Begegnungen auf der Ebene der Gemeinde und auch mit der Kirchenleitung, zu gemeinsamen Gottesdiensten, zum gemeinsamen Feiern und zur Erkundung dieses wunderschönen Landes. Gemeinsam mit meiner früheren Kollegin Donna Hays haben wir nicht nur die Kirchengemeinde Lundie, Muirhead, Fowlis und Liff erkunden, sondern sind auch nach St. Andrews gefahren – dem Zentrum der schottischen Reformation sowie auf die Insel Iona– zur Wiege des keltischen Christentums und ins Zentrum der schottischen Spiritualität. Dazu bald mehr ...

Wir hoffen sehr, dass der Austausch und die wechselseitigen Besuche weiter gehen. 2009 stünde der Besuch einer größeren Gruppe aus Schottland bei uns an; für 2010 träumen wir von einer größer angelegten Studien- und Begegnungsfahrt nach Schottland.

Beide Gemeinden und unsere Kirchen würden sicher von Begegnung und Austausch profitieren.

 
 
 
   

Galerie

Die Presse über Cantaymus (zum Vergrößern bitte anklicken)

Die Presse über das Bayerisch-Schottische Konzert (Martina Beye und Lezley Kennedy) (zum Vergrößern bitte anklicken)

Keltisches Kreuz

Dundee und Brücke über den Tay

Lundie Church

Muirhead Church

Fowlis Church

Liff Church

Kinderchor

Open Church

Chor "Cantaymus"

Schottisch-Bayerisches Konzert

Iona Abbey

St. Andrews Abbey